 |
|
 |
Trauer um ein Kind.
Du entfernst dich so
schnell,
Längst vorüber den Säulen des Herakles
Auf dem Rücken von niemals
Geloteten Meeren
Unter Bahnen von niemals
Berechneten Sternen (Marie
Luise Kaschnitz)

Ein Kind
zu verlieren ist: Wie aus der Welt zu stürzen.
Mit blanker Seele. Gefühle von Verzweiflung, Wut, Leere, brennender Sehnsucht
überwältigen uns, und es braucht Zeit, Trauer und viel Unterstützung, um
irgendwann spüren zu können: Ich kann an meinem Verlust nichts ändern, aber ich
kann entscheiden, wie ich mit ihm leben möchte.
Wir trauern verschieden, doch vielen Eltern hilft es, über ihr Kind reden zu
dürfen. Um es in sich lebendig halten zu können, um zu spüren, es hat mein Kind
gegeben, es hat seinen Platz in der Welt gehabt, und es fehlt nicht nur mir.
Sie bleiben immer die Eltern Ihres Kindes. Und es hilft, wenn Verwandte, Nachbarn
und Freunde das begreifen. Dann werden unsere Kinder nicht totgeschwiegen, dann
haben Sie noch Platz in der Außenwelt.
Es kann sein, dass Sie sich nicht verstanden fühlen, auch wenn Verwandte und
Freunde auf unseren Schmerz zugehen. Sagen Sie Ihren Nächsten, wie es Ihnen
geht, und was Sie an Unterstützung brauchen. In Krisen zeigt sich, ob
Freundschaften tragen, aber seien Sie nicht vorschnell, sondern gegenwärtigen
Sie sich, wie wenig Sie vor dem Tod Ihres Kindes (wahrscheinlich) nachfühlen
konnten, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Es kann hilfreich sein,
Kontakt zu anderen verwaisten Eltern aufzunehmen.
Weil diese wissen, wie es ist, weil sie den tiefen Bruch im Erleben der Welt am
besten verstehen können. Weil man im Kontakt mit anderen Betroffenen sieht,
dass man überleben kann. In Trauerseminaren kann man Trost finden und die
überwältigenden Gefühle ordnen, in Reha-Maßnahmen für verwaiste Familien kann man sich ausruhen und umsorgen lassen.
Und wenn die Tage nicht leichter werden, wenn Sie auch die eigenen Kinder und
den Partner, die Partnerin noch lange nach dem Verlust nur wie aus weiter Ferne
erleben, kann es helfen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und es
hilft, dem verlorenen Kind einen guten Platz in sich zu geben. Sein Andenken zu
ehren. Mit ihm im Herzen in die Zukunft zu gehen.
So
kann der Tod eines Kindes sich anfühlen
Und dann liegt mein Kind in der Erde.
Nie wieder, denke ich die ganze Zeit. Nie wieder. Ich gehe ständig zum Friedhof,
und jedes Mal, bevor ich um die Ecke zu den Kindergräbern biege, weiß ich
nicht, ob es das Grab wirklich gibt. Wenn es regnet, halte ich den Schirm übers
Grab, wenn die Sonne knallt, werfe ich Schatten, doch es ist alles vergebens.
Es ist ein Schock, dass es die Nachbarskatze noch gibt, den schwarzen BMW von
gegenüber und die Neonreklame am Matratzengeschäft. Matratzen supergünstig.
Im Zug sitze ich entgegen der Fahrtrichtung. Vor dem grauen Himmel hebt und
senkt sich eine schwarze Leitung, die zurückgelassene Landschaft dahinter
verschwimmt zu einer flimmernden Linie. Ich denke: Wenn mein Leben eine lange
Linie ist, ist Sofies Leben nur ein winziger Strich darauf, und dieser Strich
gleitet unaufhaltsam weiter weg. Ich schließe die Augen, die Vorstellung ist
unerträglich.
Früher, als Flüchtlinge mich in
ihre kargen Zimmer einluden, wo sie, mit winzigen Teegläsern über alte Rekorder
gebeugt, Kassetten mit den Stimmen ihrer Eltern abspielten, sah ich, dass es
gut ist, Heimat in sich zu tragen. Doch es war ein Gedanke, der sich rasch
verlor, denn damals war ich an tausend Orten zu Hause.
Ein Meter Kindergrab, deine
Kleider, deine Bücher – grausam mager, was die Welt mir an Heimat noch bietet.
Unter erbarmungslos blauen Himmeln stehe ich an Gräbern und lerne die Toten
kennen. Bald kenne ich andere tote Kinder, manche leben in meiner Vorstellung,
ich sehe sie mit roten Schubkarren unter dem Weihnachtsbaum stehen. Liebe ist
stärker als der Tod, sagen die Leute, geschäftig die Gießkannen schwenkend. Ich
weiche ihrem Blick aus, denn der Tod ist gewaltig.
Die Zukunft wird zu einer Last aus Zeit, und ich packe die Vergangenheit und
klammere mich fest. Doch Erinnerung ist Abglanz, und dein ewig starres Lächeln
kommt mir bald wie eine Fratze vor. Verbissen kämpfe ich gegen das Vergessen,
jeden Happen Erinnerung will ich ihm entreißen. Ich forsche, frage, suche,
wühle, sammle, laufe, schreibe – bis ich es endlich aufgeben kann.
Im Herbst natürlich, im Sommer hätte ich nie aufgeben können, aber an
einem Oktoberabend, als die letzten Sonnenstrahlen dein Grab abtasten, setze
ich mich auf die Bank und hebe die Arme. Geh, ich kann dich nicht halten, schon
sehe ich dich nicht mehr lächeln, schon ist mir entfallen, wie dünn deine Arme
sich angefühlt haben. Die Erinnerung wird weiter verschwimmen, es wird kaum
noch jemand deinen Namen aussprechen, es werden keine Leute mehr zu deinem Grab
gehen, du wirst deinen Platz in der Welt verlieren, es gibt so wenig Neues über
die Toten zu sagen. Tauben flattern über mich hinweg, die Gänseblümchen auf
deinem Grab hätten dir gefallen, und die Katze, die sich auf ihnen putzt, hätte
dich sofort zum Lachen gebracht. Sie zerdrückt die Blumen und wälzt alles
platt, aber ich sehe ihr zu und rühre mich nicht.
Die Gewissheit, dass etwas bleibt, muss schon länger da sein, ich habe nicht
gespürt, wie sie gewachsen ist, doch plötzlich weiß ich, dass ich dich finden
werde, manchmal, wenn ich hinabsteige und die Tür zu jener ortlosen Kammer
aufstoße. In ihrer schattigen Stille werde ich zu Hause sein, aber auch unter
der Esche und am See im Spätsommerlicht.
(Auszug aus dem Buch „Weil es dich gibt. Aufzeichnungen über das Leben mit
meinem behinderten Kind“.)
Den Artikel
aus der Alverde vom November 2009, "Ohne
dich mit dir sein", über die
Erfahrungen der Autorin können Sie hier
als PDF ansehen: schwanger.leona-ev.de
Tipps für trauernde Eltern erhalten
Sie auf der Homepage
des Bundesverbandes für verwaiste Eltern
in Deutschland e.V.: veid.de
Hilfe
erhalten Familien, die um ein Kind trauern
auch hier: schmetterling-neuss.de
|
 |